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Von der 'Ausmessung' desTempels. (Offb.11,1+2.)

Und es wurde mir ein Rohr, gleich einem Stabe, gegeben und gesagt: Stehe auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten. Und den Hof, der außerhalb des Tempels ist, wirf hinaus und miß ihn nicht; denn er ist den Nationen gegeben worden, und sie werden die heilige Stadt zertreten zweiundvierzig Monate.

Hier ist von einem Rohr - genauer gesagt: Schilfrohr - die Rede, doch es könnte sich bei gleichfalls korrekter Übersetzung aus dem Griechischen auch um eine Meßrute, einen Meßstab handeln. Dieser Gegenstand gleicht einem Stab, wie der Text lautet, aber ebensogut einem Richterstab oder einem Zepter - bei gleicherweise korrekter Übertragung aus dem Urtext.

Die Menge der möglichen Auslegungen ist nach der Einsicht in diese Bedeutungsvielfalt sehr groß. Sie wird jedoch schnell auf eine klare Deutung reduziert, wenn man auf das Spottzepter schaut, jenes Schilfrohr, das die höhnenden Soldaten in die Hand Jesu stecken, um ihn vor seiner Kreuzigung als König zu verspotten.

Das hier von Gott eingesetzte Meßinstrument fragt nach der Demut, dem Glauben, der Liebe zum Vater. Und die Frage erweitert sich dahin, ob sich diese Eigenschaften auch gegenüber ärgster Ablehnung, schlimmster Verspottung und großer Peinigung behaupten. Solchen Anforderungen kann ein Mensch natürlicherweise nicht nachkommen. Nur wer wie Jesus seine eigene Stärke völlig abgelegt hat, und auch folgend ständig darauf verzichtet, statt dessen die Kraft Gottes durch die Hilfe des Heiligen Geistes an sich zur Geltung kommen läßt - im Tempel oder am (goldenen) Altar anbetet - , trägt die Qualitäten, die für dieses 'Instrument' meßbar sind. Der hat auch eine sichere Position in Christus und braucht den Zugriff des Feindes Gottes und seiner Helfer nicht zu fürchten. Alle übrigen, auch wenn sie das "Zeugnis Jesu" haben und sich zu Recht Christen nennen - die dem Vorhof angehören - können dieser 'Meßlatte' nicht genügen. Deshalb würden sie keinesfalls von Gott verworfen werden, aber ihnen fehlt die Weisheit und die Kraft Gottes, um dem Ansturm und dem Umfang der Verführung des Feindes zu widerstehen - als Christen sie werden "zertreten".

Von den zwei Zeugen. (Offb.11,3-14.)

Und ich werde meinen zwei Zeugen Kraft geben, und sie werden tausendzweihundertsechzig Tage weissagen, mit Sacktuch bekleidet. Diese sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen. Und wenn jemand sie beschädigen will, so geht Feuer aus ihrem Munde und verzehrt ihre Feinde; und wenn jemand sie beschädigen will, so muß er also getötet werden. Diese haben die Gewalt, den Himmel zu verschließen, auf daß während der Tage ihrer Weissagung kein Regen falle; und sie haben Gewalt über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln, und die Erde zu schlagen mit jeder Plage, so oft sie nur wollen. Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben werden, so wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, Krieg mit ihnen führen, und wird sie überwinden und sie töten. Und ihr Leichnam wird auf der Straße der großen Stadt liegen, welche geistlicherweise Sodom und Ägypten heißt, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde. Und viele aus den Völkern und Stämmen und Sprachen und Nationen sehen ihren Leichnam drei Tage und einen halben, und erlauben nicht, ihre Leichname ins Grab zu legen. Und die auf der Erde wohnen, freuen sich über sie und frohlocken und werden einander Geschenke senden, weil diese, die zwei Propheten, die quälten, welche auf der Erde wohnen. Und nach den drei Tagen und einem halben kam der Geist des Lebens aus Gott in sie, und sie standen auf ihren Füßen; und große Furcht fiel auf die, welche sie schauten. Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel zu ihnen sagen: Steiget hier herauf! Und sie stiegen in den Himmel hinauf in der Wolke, und es schauten sie ihre Feinde. Und in jener Stunde geschah ein großes Erdbeben, und der zehnte Teil der Stadt fiel, und siebentausend Menschennamen kamen in dem Erdbeben um; und die übrigen wurden voll Furcht und gaben dem Gott des Himmels Ehre. Das zweite Wehe ist vorüber; siehe, das dritte Wehe kommt bald.

... Sie tragen ein enormes Verführungspotential mit sich: Macht und Erfolg. Werden sie dadurch korrumpiert, oder können sie die Verwandlung in das Wesen Jesu durchhalten? Wohin sie auch kommen, werden Menschen wie Gemeinden erneuert und erfrischt, geschehen spektakuläre Heilungen, Zeichen und Wunder, wird die Liebe Gottes handgreiflich offenbar. Die gesamte Christenheit wird solchen vollmächtigen Menschen widerspruchslos 'zu Füßen liegen'. Treten Feinde gegen sie auf, so werden diese Widersacher chancenlos beiseite gefegt. Und steigt in ihnen Unwille ob der Behandlung der Christen durch die Welt auf, so dürfen sie diesem freien Lauf lassen, und das entsprechende Umfeld zur Strafe schädigen. Was kümmert es sie, daß alle Welt sie haßt. Sie sind unantastbar.

Das gilt aber nicht für das Tier aus dem Abgrund. Es wird mit ihnen kämpfen, sie überwinden und töten. Welche Waffe Satans dringt gegen diese Unbesiegbaren durch? - Doch aus diesem Blickwinkel erkennt man weder das Problem noch die Antwort. Die Schwierigkeit liegt in der Übersetzung des Verses 7, die genauso gut lauten kann: “Und wenn sie ihr Zeugnis vollenden sollen, wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt, mit ihnen kämpfen, sie besiegen und töten.” Bei dieser Auffassung des griechischen Textes ist ihre Auseinandersetzung mit dem Tier ein Teil ihres Zeugnisses. Und die Art und Weise, wie sie mit dieser Situation umgehen, vollendet ihr Zeugnis von Jesus - oder auch nicht. Hier ist keinerlei Spezialwaffe Satans im Spiel. Seine Stunde ist gekommen, weil diese Beiden in ihrer Zeugenschaft von Jesus die Gelegenheit erhalten sollen, ihr Zeugnis zu vollenden.

Diese Textauffassung stellt Gott als den heraus, der die Verhältnisse gestaltet und sagt zugleich, was Gott dafür tut: Er zieht seine schützende Hand von den zwei Zeugen zurück und nimmt ihnen ihre Vollmachten, worauf das Tier aus dem Abgrund Macht über sie gewinnen und sie töten kann. Für die zwei Zeugen beginnt hier der abschließende Teil ihres Zeugnisses, um unter Beweis zu stellen, Satan habe nichts an ihnen gleich wie bei dem irdischen Jesus.(Joh.14,30.) Sie müssen diesen Sachverhalt völlig auf sich gestellt als ihre eigene Entscheidung für die ausschließliche Gemeinschaft mit Gott in seiner Liebe offenbaren, denn Gott hat jegliche Unterstützung von ihnen zurückgezogen. Aber gerade daraus gewinnt ihre Haltung den heilswirksamen Bezug und das entsprechende Gewicht, weil sie diese nicht mehr im Hochgefühl von Anerkennung und Macht sondern in der Normalität eines sterblichen Menschen erweisen. Denn in ihnen wohnt durchaus noch die Frage, ob sie - wenngleich sie den Glanz ihrer glorreichen Zeit verloren haben - sich nicht doch deren Abglanz durch die Bewahrung ihres natürlichen Lebens retten sollten? Satan wird ihnen diese Verlockung durch seinen irdischen Vertreter, durch das Tier aus dem Abgrund, als Alternative zum Tod anbieten. Aber die zwei Zeugen lieben ihr Leben nicht bis in den Tod, und gehen den Weg des Lammes, womit sie ihr Zeugnis von Jesus zweifelsfrei vollenden.

Die Menschen der Welt freuen sich über die Tötung der zwei Zeugen als Ausgang dieser für sie höchst unangenehmen Zeit. In ihrer Freude senden sie sich sogar gegenseitig Geschenke zu. Doch haben sie ihre Chance vertan, sich von ihrem Irrtum zu bekehren, in welchem sie gemäß des Wesens Satans befangen sind. Es bleibt die geläufige Meinung wie auch Praxis der Welt, man könne durch Kaltstellen, Tod oder gar Mord eine Angelegenheit oder Entwicklung beenden, die gegen das eigenen Interesse läuft. Der Tod ist jedoch bei Gott keine Grenze, ab der eine weitere Teilnahme an den irdischen Entscheidungen ausgeschlossen wäre. Jesus hat bereits bei Lebzeiten einen Teil der Juden darauf hingewiesen, daß sie die Heiligen Schriften falsch verstünden, wenn sie unseren Vater im Himmel als einen Gott der Toten ansähen und eine Auferstehung leugneten. Bald danach hat er ihnen eine konkrete Bestätigung zu seiner Lehre erbracht. Mit diesen zwei Zeugen liefert er in Kürze eine weitere, denn die Endphase dieses Dramas mit den zwei Zeugen findet in Jerusalem statt.

Dreieinhalb Tage nach ihrem gewaltsamen Tod kommt Gott gewissermaßen mit seinem Zeugnis zum Abschluß: Er kann nicht nur seinen Mensch gewordenen Sohn von den Toten auferwecken sondern jeden Menschen, der sich ihm völlig zu eigen gibt. Und er kann solche Menschen ebenso wie seinen Sohn Jesus in den Himmel auffahren lassen.